{"id":1253,"date":"2018-08-30T15:36:26","date_gmt":"2018-08-30T15:36:26","guid":{"rendered":"http:\/\/clb-group.de\/?p=1253"},"modified":"2023-03-31T15:27:12","modified_gmt":"2023-03-31T15:27:12","slug":"vor-den-flugtaxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/clb-berlin.de\/en\/vor-den-flugtaxis\/","title":{"rendered":"Vor den Flugtaxis"},"content":{"rendered":"<p>Fernstra\u00dfen haben politische Folgen, wie die Klanginstallation \u201eA100. Der Klang der Berliner Stadtautobahn\u201c im CLB zeigt.<\/p>\n<p>Den Klang der Autobahn m\u00fcsste man an der Ecke Moritzplatz und Oranienstra\u00dfe eigentlich in ungefilterter und unbearbeiteter Form zu h\u00f6ren bekommen. In den 60er Jahren plante der Berliner Senat hier eine Autobahntangente, die A 106. Der Moritzplatz w\u00e4re von einem riesigen Autobahnkreisverkehr \u00fcberspannt worden.<\/p>\n<p>Als Folge dieser Planung \u2013 die zum Gluck nie in die Tat umgesetzt wurde \u2013 lie\u00df man SO36 uber Jahrzehnte hinweg gezielt verwahrlosen, entmietete H\u00e4user oder lie\u00df sie vergammeln. In die zum Abriss vorgesehenen H\u00e4usern zogen \u201eGastarbeiter\u201c aus der Turkei, um 1980 begannen die Hausbesetzungen,die den Stadtteil zu einem Zentrum der Alternativkultur werden lie\u00dfen. Von diesem Flair zehrt Kreuzberg bis heute. Autobahnen k\u00f6nnen also gesellschaftliche und stadtpolitische Folgen haben, selbst wenn sie nicht gebaut werden.<\/p>\n<p>Daher ist der 2015 gegr\u00fcndete, unabh\u00e4ngige Projektraum CLB im Aufbau Haus am Moritzplatz ein sehr geeigneter Ort, um \u00fcber die Rolle einer Stadtautobahn in einer Ausstellung nachzudenken, auch wenn die Stadtautobahn eigentlich weit entfernt ist \u2013 nicht zuletzt, weil dieser Ort nie entstanden w\u00e4re, wenn die A 106 gebaut worden w\u00e4re. Und wenn, w\u00fcrde man hier sein eigenes Wort nicht verstehen, eine Klanginstallation w\u00e4re schon gar nicht zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Nun vermischen sich Soundscapes, die in der Klanginstallation \u201eA 100. Der Klang der Berliner Stadtautobahn\u201c von Sam Auinger, Georg Spehr und Hannes Strobl die gro\u00dfz\u00fcgige, hohe Ausstellungsfl\u00e4che f\u00fcllen, mit dem L\u00e4rm des Verkehrs auf der Oranienstra\u00dfe. BVG-Busse halten quietschend vor der T\u00fcr an einer Haltestelle, getunte S-Klasse-Motoren r\u00f6hren, und die Sirenen von Krankenwagen heulen dazwischen; all diese Ger\u00e4usche t\u00f6nen \u00fcber ein gekipptes Oberlicht, das f\u00fcr die Dauer der Ausstellung permanent ge\u00f6ffnet ist, in die Galerie hinein.<\/p>\n<p><strong>Mikrofonierte Br\u00fccken<\/strong><\/p>\n<p>Sie sind wie Soli zu den stehenden Kl\u00e4ngen, die Sam Auinger und Georg Spehr an verschiedenen Br\u00fccken \u00fcber die Berliner Stadtautobahn mikrofoniert haben. Diese haben sie weiterbearbeitet und teilweise mit Bass und Drums begleitet. Meist ist das eher piano. Der gro\u00dfe L\u00e4rm der Moderne, der die Futuristen am Krach von Automotoren fasziniert hat und der die Einst\u00fcrzenden Neubauten zu einem legend\u00e4ren Gig unter einer Berliner Autobahnbr\u00fccke inspiriert hat, kommt hier nicht zur Wiederauff\u00fchrung.<\/p>\n<p>An den S\u00e4ulen im Ausstellungsraum widersetzen sich einige mickerige Pflanzen als \u201eStadtnatur\u201c den widrigen Umst\u00e4nden. An den W\u00e4nden sind Dokumente aus der Zeit der \u201eautogerechten Stadt\u201c zu sehen, als der Bau einer Stadtautobahn noch eine Zukunftsutopie war \u2013 und nicht eine der wichtigsten Quellen der Belastung der Innenstadt durch Stickoxide und Feinstaub oberhalb der zul\u00e4ssigen Grenzwerte, wegen der die EU Deutschland und seine Gro\u00dfst\u00e4dte schon l\u00e4nger auf dem Kieker hat. Auf einem Aquarell aus den 50er Jahren buddeln Kinder versonnen im Schatten einer Autobahn auf Stelzen. Ein Foto von der Er\u00f6ffnung eines Teilabschnitt der A100 zeigt einem Korso von Mercedes-Limousinen, in dem auch noch ein Alt-Berliner Brauerei-Pferdegespann mitfahren darf.<\/p>\n<p>Die real existierende A 100 d\u00fcrfte mit dem Abschnitt, der derzeit Teile von Alt-Treptow zu einem riesigen Elefantenklo gemacht hat, zu Ende gebaut sein. Die Vervollst\u00e4ndigung des \u201eStadtrings\u201c durch die Ostberliner Stadtbezirke wird sich gegen den Widerstand der Berliner nicht mehr durchsetzen lassen und ist auch schon aus dem Bebauungsplan gestrichen worden.<\/p>\n<p>Der Traum von der autogerechten Stadt ist zwar noch nicht ausgetr\u00e4umt, wie der kurzlebige Widerstand der SPD gegen das durch eine B\u00fcrgerbefragung erzwungene Mobilit\u00e4tsgesetz in der letzten Woche zeigte. Doch aktuelle Verkehrsutopien leben in der wachsenden Stadt Berlin eher von der Hoffnung auf \u201eprotected lanes\u201c f\u00fcr Radfahrer, Leihr\u00e4dern, die nicht von asiatischen Start-ups auf den Berliner B\u00fcrgersteigen platzraubend in den Weg gestellt werden \u2013 oder den inzwischen bereits zum Running Gag verkommenen Flugtaxis. Deren Klang d\u00fcrfte dann wiederum Material f\u00fcr Klanginstallationen liefern, die nicht von der Vergangenheit der Mobilit\u00e4t handeln, sondern von deren Zukunft.<\/p>\n<p>Erstmals erschienen in: taz. die tageszeitung vom 05.06.2018, Ausgabe 11644.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fernstra\u00dfen haben politische Folgen, wie die Klanginstallation \u201eA100. Der Klang der Berliner Stadtautobahn\u201c im CLB zeigt. Den Klang der Autobahn m\u00fcsste man an der Ecke Moritzplatz und Oranienstra\u00dfe eigentlich in ungefilterter und unbearbeiteter Form zu h\u00f6ren bekommen. 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