{"id":1251,"date":"2018-08-15T15:29:14","date_gmt":"2018-08-15T15:29:14","guid":{"rendered":"http:\/\/clb-group.de\/?p=1251"},"modified":"2023-03-31T15:26:24","modified_gmt":"2023-03-31T15:26:24","slug":"der-koerper-der-autobahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/clb-berlin.de\/en\/der-koerper-der-autobahn\/","title":{"rendered":"Der K\u00f6rper der Autobahn"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Einf\u00fchrung zur Er\u00f6ffnung des installativen Kunstprojekts <\/strong><strong>\u201eA100. Der Klang der Berliner Stadtautobahn\u201c<\/strong><strong> a<\/strong><strong>m 1. Juni 2018 im CLB Berlin.<\/strong><\/p>\n<p>Die A100 ist eine Utopie im Wortsinne. Ein nicht existierender, nie vollst\u00e4ndig zuende gebauter Ort. Dennoch: Teile dieser Autobahn existieren, sie wurden gebaut, sie wurden genutzt \u2013 jedoch, das sind nur Ruinen, Bruchst\u00fccke, \u00dcberbleibsel der j\u00fcngeren Kulturgeschichte. Magere Zeugen einer l\u00e4ngst nahezu vergangenen Welt.<\/p>\n<p>Klar: Diese Welt ist gar nicht vergangen. Sie ist da. Die Produktion von brennstoffverschlingenden Maschinerien schreitet voran. Nichts ist verschwunden. Im Gegenteil: Je offensichtlicher in der Prognose das Ende dieser kulturhistorischen Schicht herannaht, umso vehementer wird dieses Erbe des Individualverkehrs, der Blech- und Benzinkutschen verteidigt. Es steht offenbar viel auf dem Spiel. Die Automobilbananenrepublik, sie wehrt sich.<\/p>\n<p>Verschwunden ist aber der Glaube, die Naivit\u00e4t, die unverminderte Hingabe von allen Seiten an dieses Konsumprodukt und unser Alltagsleben damit. Jeder von uns, der solch ein Ger\u00e4t sein oder ihr eigen nennt, nutzt es vermutlich mit einem Hauch wenigstens von Schuld:<\/p>\n<p><em>Muss das sein? Ginge es nicht auch anders? Wie komme ich am schnellsten mit all diesen Frachten und Kindern an das andere Ende der Stadt \u2013 oder zu den Gro\u00dfeltern aufs Land?<\/em><\/p>\n<p>Die A100 \u2013 die Vision einer Rundumbebauung dieser Stadt, dieser Hauptstadt \u2013 sie verk\u00f6pert genau diese alte Welt. Und im Entschwinden, im langsamen Abbr\u00f6ckeln der \u00dcberzeugungskraft dieser alten Utopie ist es nicht ohne Nutzen, sich an die naiv geglaubte Sch\u00f6nheit, die Ideologie dieses Bauwerks und dieser Baukultur noch einmal zu erinnern. Auch um aufzubewahren, was an W\u00fcnschen, an Tr\u00e4umen, an Sehns\u00fcchten daran vielleicht einmal sich angelagert hatte; und nicht zu vergessen, wie schnell daraus etwas Befremdliches wurde \u2013 etwas, das Vieles bewerkstelligt, was sich die Erbauer wohl nicht ertr\u00e4umt. Das Grauen der Utopie.<\/p>\n<p><strong>Memories of a Utopia<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Ein Kern der Ausstellung, die hier im CLB zu sehen und zu h\u00f6ren ist, ist ein Konzert. Doch dieses Konzert ist unvollst\u00e4ndig ohne die Bilder, die Erz\u00e4hlungen, die Erinnerungen und Geschichten drumherum, die Gegenst\u00e4nde und Gew\u00e4chse, Baustoffe und Konstruktionspl\u00e4ne. Sie bilden die anderen Kerne dieser Ausstellung. Sie setzen die <em>A100<\/em> neu zusammen als eine Art Memory der Erinnerungen, <em>Memory of Memories<\/em>. Es ist das Ergebnis einer k\u00fcnstlerischen Forschung \u2013 von Exkursionen, Studien und Gespr\u00e4chen \u2013 durch Georg Spehr, Hannes Strobl und Sam Auinger, das hier gezeigt wird. Dieses Ergebnis entfaltet sich im Raum dieses Hauses \u2013 und es bespielt die Zeit in den St\u00fccken, den Dokumentationen und Aufnahmen, die hier auch zu h\u00f6ren sind.<\/p>\n<p>Die Utopie der A100 wird in Klang, in Fotografie und Texten, in Objekten und Pflanzen nahezu arch\u00e4ologisch, ja kriminalistisch wieder zusammengef\u00fcgt: Was war die A100? Warum wollten die Berliner der 1950er oder 1960er Jahre unbedingt diesen Beton-, Benzin- und Hochgeschwindigkeitsmoloch sich selbst in ihr Stadtherz rammen? Welches Begehren, welche Lust des B\u00fcrgertums wurde hier denn erf\u00fcllt? Was ist so sch\u00f6n daran, eine Betonarchitektur zu errichten, auf der man umherfahren kann?<\/p>\n<p>Dreilinden, Tegel, ICC \u2013 Das sind drei utopischen Marken und Automobilruinen, die immer noch in Betrieb sind, und teils immer noch das Begehren wecken: Wie sch\u00f6n h\u00e4tte die Zukunft wohl sein k\u00f6nnen, wenn die saubere, die analytische und kybernetische Utopie der 1950er Jahre, eine Utopie von planerischer Cleverness und Optimierung, wenn diese Utopie nicht von der Zerst\u00f6rung von Lebensgrundlagen, von eingestampfter Biodiversit\u00e4t, von vergifteten, aber \u00fcberlebenswichtigen Ressourcen abgebrochen worden w\u00e4re. Es h\u00e4tte so sch\u00f6n sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Die Utopie kippt hier ins Requiem.<\/strong><\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren die fossilen Brennstoffe. Wir h\u00f6ren die Bewegungen der Kisten und Objekte, der Sirenen und Bereifungen, der Fahrtwinde. Wir h\u00f6ren das Entschwinden und die Pr\u00e4senz. Wir h\u00f6ren die akzentuierten Frequenzbereiche, die das Maschinenleben auf der Autobahn ausmachen. Das Rauschen der Bewegung, den Rausch der Bewegung. Das Quietschen.<\/p>\n<p>Dies ist jedoch kein &#8220;Requiem For Fossile Fuels&#8221; \u2013 so der Titel einer Komposition von Sam Auinger und Bruce Odland, die umfassend vor einigen Jahren, 2004, einen Abgesang auf genau diese Bewegungskultur zelebrierte. Wir h\u00f6ren aber &#8220;Memories Of A Utopia&#8221;: ein Abgesang auf die Utopie, die automobile Utopie, die uns immer noch begleitet. Vielleicht eine Art Betonpastorale, ein Ausstellen des Locus Amoenus, des sch\u00f6nen Ortes, als der die Autobahn einmal, im Design- und Alltagsleben der 1950er Jahre, ja auch erlebt und bewohnt wurde.<\/p>\n<p><strong>Die sch\u00f6ne Autobahn<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Es kommt uns ziemlich abartig und auch etwas verst\u00f6rend vor, dies auszusprechen \u2013 heute. Die sch\u00f6ne Autobahn.&#8221;Irgendwann passiert\u2019s:&#8221;, schrieben Auinger und Odland zum &#8220;Requiem For Fossile Fuels&#8221; 2004: &#8220;gro\u00dfe Dinge gehen zu Ende und um sie wirklich zu begreifen, muss man das erst einmal einsehen.&#8221; Diese schlichte und gro\u00dfe Erkenntnis wird hier im CLB ausgestellt, besungen, zelebriert und mit Reliquien und Ruinenbildern mit Fundst\u00fccken und \u00dcberresten belegt. Mit Trauminszenierungen des genussvollen Ambulierens auf weiten Betonrampen.<\/p>\n<p>Die Utopie der A100 hat, so Auinger, Spehr und Strobl, &#8220;einen Puls f\u00fcr die Stadt&#8221; geschaffen. Sie hat die Stadt grau gef\u00e4rbt, auch klanglich. Die Stadt wurde in Verbrennungsmotorrauschen maskiert. Die A100 brachte ihre &#8220;Eigenheiten und Dynamik, Saisonfolgen und Tagesabl\u00e4ufe, Sto\u00dfzeiten und Unf\u00e4lle&#8221; mit sich. Das Bauwerk im Raum greift also ein in die Zeitstruktur des Stadtlebens, keine Frage.<\/p>\n<p>Die A100, sie &#8220;trennt und zieht Grenzen, sie besetzt Raum, hat zwei Seiten und viele Richtungen. Sie tr\u00e4umt, ordnet, h\u00e4lt im Gang, erm\u00f6glicht und verbindet. Sie ist massiv und ist Erlebnis. Sie schreit und l\u00f6scht. Sie ist ein Objekt der nicht-begehbaren R\u00e4ume. Sie rauscht und rauscht und rauscht.&#8221;<\/p>\n<p>Die Utopie des Bauwerkes und wie es einen automobilen Menschen einmal imaginierte, diese Utopie ist nicht zuende. Doch zuende ist vermutlich die Idealisierung, die Harmonisierung, die Erl\u00f6sungshoffnung, dass solch ein Ding, ein Apparat, eine Maschine, diese Stadt einmal zur besseren Stadt machen w\u00fcrde. Doch genau das war die Annahme ehedem. Menschen glaubten wirklich fest daran, sie beteten nahezu daf\u00fcr, dass Bauplanung und technischer Entwurf, dass Berechnungen und Konstruktionen das t\u00e4gliche Leben jedes und jeder Einzelnen wirklich viel viel besser machen k\u00f6nnte. Denn: &#8220;Die Autogerechte Stadt erk\u00e4mpfe des Konsumb\u00fcrgers Recht!&#8221;<\/p>\n<p>Sobald jeder einmal von uns ein Auto besitzen w\u00fcrde \u2013 und alle Orte der bekannten Welt f\u00fcr den Verkehr mit diesen Apparaten f\u00fcglich eingerichtet w\u00e4ren, dann beg\u00e4nne endlich das gute, gl\u00fcckliche, das sorglose und menschenw\u00fcrdige Leben. Es war ganz klar eine Paranoia. Doch eine, die noch heute grassiert \u2013 nur eben oft auch mit anderen Apparaten, anderen Ger\u00e4tschaften, ganz anderen Entw\u00fcrfen, Planungen und Konstruktionen. Wir glauben immer noch, dass neue Cleverness und Konstruktion irgendwen wirklich gl\u00fccklich machen k\u00f6nnte. Vermutlich werden wir es noch lange, sehr lange, vielleicht zu lange glauben.<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der K\u00f6rper der Autobahn<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Was ist also der K\u00f6rper, die Substanz der Autobahn? Was wird hier empfunden und wahrgenommen? Wie handelt und reagiert und bewegt sich und agiert dieser nur fragmentarisch \u00fcbriggebliebene K\u00f6rper eines Bauobjekts? K\u00f6nnen wir diesen K\u00f6rper heute noch, trotz br\u00f6ckelnder Neubauten, noch erfahren.<\/p>\n<p>Der K\u00f6rper der A100 ist \u201evon Ampelschaltungen und Fahrpl\u00e4nen getaktet\u201c, Motorenger\u00e4usche treten mit dem Raum in Beziehung. Die Autos spielen die Stadt, sie spielen die Stra\u00dfe, wie ein Schlagwerker, ein Posaunist den umgebenden Resonanzraum ausspielt, wie ein Bassist, dessen Vibrationen \u00fcber den Boden laufen und die Pfeiler, die W\u00e4nde hochlaufen, zur\u00fcckrollen zu uns, zu ihm. Dieser Raum verst\u00e4rkt das Verbrennen, die Raserei, die Beschleunigung und den gestauten Stillstand; ausgefiltert wird einiges, gebrochen ganz anderes.<\/p>\n<p>Das St\u00fcck &#8220;A100&#8221; von Sam Auigner und Hannes Strobl hat vier Teile. Es sind Teile, die zum einen die Obert\u00f6ne und die Distanz zur Autobahn h\u00f6rbar machen; Teile, die mit Polymetrik arbeiten, die perkussive Wirkung herauskehren, wenn ein Automobil \u00fcber den Asphalt f\u00e4hrt. Vor allem aber wird das Spiel aus Maskieren und Demaskieren durch Motorenkl\u00e4nge gezeigt und ausgelotet. Auch das Auto als mobile HI-FI-anlage wird zelebriert. Eine Feier des hochraffinierten Materials, seiner Belastbarkeit, eine Feier des Automobilismus und seiner Wegbereiter als Instrumentalensemble.<\/p>\n<p><strong>Natur der vierten Art<\/strong><\/p>\n<p>Zum Ende m\u00f6chte ich auf eine Kleinigkeit aufmerksam machen. Das Gr\u00fcn, die Pflanzen, die hier im Austellungsraum wachsen, sich anlagern, sie repr\u00e4sentieren nichts Verdr\u00e4ngtes oder Ausgeschlossenes. Im Gegenteil. Die Natur, die hier w\u00e4chst, ist eine sogenannte <em>Natur der vierten Art<\/em>: Pflanzen wachsen hier, wo sie nicht wachsen sollten. Zumindest nicht, wenn eine idealische Bauplanung jemals ihr Ziel erreichen k\u00f6nnte. Die Pflanzen wachsen auf den Brachen, im Asphaltriss, Schlagl\u00f6chern, offenen N\u00e4hten im Beton. Sie sollten da aber nicht sein \u2013 und sind doch da. Sie wachsen und werden zum Teil des K\u00f6rpers der Autobahn. Kein Teil der von Autobahnmeisterei oder Landschaftsarchitektur eingeplant worden w\u00e4re; und doch ein Teil, der unser Leben mit, an und auf der Autobahn bedeutet.<\/p>\n<p>Das Grau der Autobahn bleibt kein Grau. Es bleibt grau in den Skizzen und Modellen, den Renderings \u2013 auch bevor 3D-Modellierung das planerische Mittel der Wahl war. Diese Pflanzen repr\u00e4sentieren die Nutzung eines Ortes. Nicht nur die Fahrzeuge nutzen eine Autobahn. Auch andere Lebensformen eignen sich diese Pl\u00e4tze und Fl\u00e4chen an.<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren und sehen, wir riechen auch und bef\u00fchlen vielleicht das Schicksal dieses utopischen K\u00f6rpers: Die Erfahrungsseite der automobilen Utopie kann hier noch noch einmal besichtigt werden. In F\u00e4rbungen und Resonanzen, in Zellstrukturen und K\u00f6rnungen, in Schwebungen, R\u00fcckst\u00fcrzen und in Plastik gepackt. Kurz vor ihrem, ehrlich gesagt, erhofften Ableben; kurz vor dem Umsturz unserer Gesellschaften in vielleicht etwas ganz anderes; das gegenw\u00e4rtig nur ansatzweise sich um Anerkennung bem\u00fcht.<\/p>\n<p><em>Es war einmal eine Autobahn.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Einf\u00fchrung zur Er\u00f6ffnung des installativen Kunstprojekts \u201eA100. Der Klang der Berliner Stadtautobahn\u201c am 1. Juni 2018 im CLB Berlin. Die A100 ist eine Utopie im Wortsinne. Ein nicht existierender, nie vollst\u00e4ndig zuende gebauter Ort. 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